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Amphi Festival 2018

 

XIV. Amphi-Festival, 28.-29.07.2017, Tanzbrunnen / Köln

 

In brütender Hitze feierten rund 12.500 Fans der schwarzen Szene mit 42 Bands, unter anderem And One, ASP und den Altmeistern OMD, Midge Ure und Joachim Witt auf drei Bühnen am ausverkauften Kölner Tanzbrunnen. Mit vielen neuen und alten Hits im Gepäck sorgten diese für ausgelassene Stimmung und viele emotionale Momente.

Freitag, 27.07.2017

Die Hitzewelle hat Deutschland fest im Griff – und macht natürlich auch nicht vor Köln Halt. Schwitzen ist angesagt! Davon ließen sich die Anhänger der schwarzen Szene, die sich an diesem Wochenende in Köln eingefunden hatten, um ihren Lifestyle zusammen mit ihren Lieblingsbands zu zelebrieren, natürlich nicht abschrecken. Das eigentliche Festival begann zwar wie üblich erst am Samstag, aber zur Einstimmung fanden bereits am Freitag einige offizielle Amphi-Pre-Events (gegen zusätzlichen Eintritt) statt, nämlich zum einen die seit Monaten ausverkaufte „Call The Ships-To-Port“-Party mit weiteren Live-Bands und zum anderen die Pre-Party am Theater am Tanzbrunnen mit verschiedenen hochkarätigen DJs der Szene ab 22 Uhr. Es gab aber auch weitere Möglichkeiten, sich in der Stadt die Zeit zu vertreiben – in Köln ist schließlich immer etwas los. Wer es am Vorabend des Festivals etwas ruhiger angehen wollte, konnte auch einfach nur die beeindruckende Mondfinsternis beobachten, am Rheinufer sitzen oder durch die Stadt flanieren.

Samstag, 28.07.2017

Intent:Outtake

Auch in diesem Jahr mussten sich die Besucher auf einige kurzfristige Planänderungen einstellen. Wie bei der langanhaltenden Wetterlage („Rekordsommer“) zu erwarten, wurde auch in diesem Jahr die dritte Bühne – die Orbit Stage auf der MS RheinEnergie – wegen Niedrigwassers auf die gegenüberliegende Uferseite des Rheins verlegt. Dies bedeutete für alle Beteiligten längere (Lauf)-Wege, die durch die Einrichtung von Shuttle-Bussen naturgemäß nur bedingt aufgefangen werden konnten (obwohl der Shuttle-Service reibungslos funktionierte). Außerdem gab es eine schlechte Nachricht für alle Fans der US-amerikanischen Electro-Band Assemblage 23 – wegen Problemen bei der Einreise nach Deutschland mussten sie in diesen Tagen leider einige anstehende Konzerte kurzfristig absagen, und damit auch ihren Auftritt auf dem Amphi. Als Ersatz für ihren Slot konnten prompt die Belgier von Suicide Commando gewonnen werden, die für ihren Einsatz auf dem „Call The Ships To Port“-Event am Freitag ohnehin vor Ort waren.

Während am Freitag das ganze Land unter der Hitzewelle ächzte, startete der Samstag zunächst mit wolkenbedecktem Himmel – zum Glück, denn mehr als heiß genug war es auch an diesem Tag, und das bereits zum Einlass gegen 10 Uhr morgens. Bis zum offiziellen Beginn um 11 Uhr war noch etwas Zeit, und so konnte man sich einen ersten Überblick über das Gelände verschaffen.

Der offizielle Amphi-Merchandise-Stand direkt hinter dem Einlass durfte natürlich nicht fehlen und es gab auch in diesem Jahr wieder verschiedenste Designs zum diesjährigen Festival auf T-Shirts, Turnbeuteln und anderen Textilien. Das Essensangebot war wie im Vorjahr recht vielseitig, von Pizza über Waffeln, Crepes, Burgern und Gyros bis zu veganen Burgern oder Asian Food war alles dabei – und natürlich gab es auch die allseits beliebte Currywurst mit Pommes. Auch die Händlermeile kam nicht zu kurz und so konnte man sich hier nach Herzenslust mit szenetypischen Klamotten, Taschen und Accessoires eindecken.

Eine sehr gern genutzte Wohltat waren die kostenlosen Trinkwasser-Stationen, an denen man sich jederzeit bedienen konnte; wegen der herrschenden Hitze war das sehr umsichtig von der Orga, denn angesichts der einheitlichen, hohen Getränkepreise auf dem Gelände – jedes 0,5l-Getränk 5 (!) Euro – hätte man ansonsten gewiss schnell mit zahlreichen dehydrierten Besuchern zu kämpfen gehabt. 

Direkt hinter dem Einlass befanden sich wieder die Schließfächer, die man sich gegen Einwurf von 1- oder 2-Euro-Münzen mieten konnte. Leider pro Schließvorgang, und so konnte das schnell teuer werden und man musste sich gut überlegen, ob man sich jetzt wirklich etwas aus dem Fach holen wollte. Vielleicht wäre es für die Orga möglich, sich für die Zukunft eine andere Lösung einfallen zu lassen, denn grundsätzlich sind Schließfächer eine sehr gute Idee.

Überpünktlich um fünf vor elf läutete Amphi-Moderator Dr. Mark Benecke gemeinsam mit seinem Kollegen Oliver Klein auf der Main Stage das Festival ein und begrüßte gut gelaunt die Besucher sowie die erste Band Intent:Outtake. Martialisch geschminkt und mit militärischem Bühnen-Style inklusive grimmig schauender Fahnenschwinger heizten die Elektroniker aus Leipzig den schon zahlreich anwesenden Fans unter anderem mit Masks und Glaube und Vernunft vom aktuellen Album „Schmerzmaschine“ gleich richtig ein (nicht, dass das noch nötig gewesen wäre!). Neben der traurigen Ballade Der Letzte Tanz gab es unter anderem Fuck You All, das Bastian gemeinsam mit Gastsänger Chris L (Agonize, Funker Vogt) präsentierte, sehr zur Freude der Frühaufsteher. Auch die ersten aufwendig gestylten Cyber-Tänzer hatten sich schon eingefunden und feierten an verschiedenen Stellen im Publikum zur Musik.

Im Anschluss erfolgte mit The Creepshow erst mal ein krasser Stilwechsel. Die fünfköpfige Horrorpunk-Rockabilly-Band aus Montreal/Kanada war zuletzt vor drei Jahren auf dem Amphi und rockte mit zwei Gitarren, einem Kontrabass und ihrer zierlichen Sängerin Kenda gut ab.

Unzucht

Während es auf der Main Stage zunächst mit [X]-RX Harsh Electro aus Köln auf die Ohren gab, startete kurz darauf im Theater die Synthpop-Band Future Lied To Us. Die junge Band aus alten Hasen musste ohne ihren dritten Mann Krischan Wesenberg auskommen, der sich leider entschuldigen ließ. Workaholic Vasi Vallis (u.a. Frozen Plasma) und Sänger Tom Lesczenski (Keyboarder bei [:SITD:]) konnten auch ohne ihn das Publikum überzeugen und spielten im gut klimatisierten Theater einige Stück von ihrem Anfang des Jahres erschienenen ersten Album „Presence“, wie z.B. das geniale, flotte Drops of Silver oder das eingängige Falling.

Was nun folgte, kann guten Gewissens als Krach bezeichnet werden – KiEw. Selbst die Security-Leute schmunzelten ob der seltsamen Darbietung schräger Industrial-Töne mit Gitarren und eigenwilligen Texten. Sänger Andreas peeste auch mal durchs Publikum und wurde von einem Bandmitglied liebevoll als „Meister des Wahnsinns“ bezeichnet. Danach blieb man mit Centhron im weitesten Sinne dem Genre treu, denn auch hier gab es Industrial.

Auf der Main Stage wechselte mit Unzucht die Musikrichtung ein weiteres Mal. Die Dark Rocker, deren neues Album „Akephalos“ erst am Vortag erschienen war, legten gleich so richtig los mit Stücken wie Engel der Vernichtung oder dem eben erst als Video veröffentlichten neuen Song Nur die halbe Wahrheit. Trotz der brennenden Hitze waren die vielen Fans vor der Bühne gut drauf; zum Glück folgten nun erst mal ein paar Tropfen Regen, die sich zu einem richtigen, anhaltenden Schauer entwickelten. Dies konnte aber niemanden ernsthaft stören, denn es war hinterher immer noch heiß genug und die Abkühlung tat einfach nur gut. Nach dem Auftritt von Unzucht war es allerdings schon wieder vorbei mit dem Regen – und das für den Rest des Tages.

Irgendwann wurde es auch mal Zeit, sich ausführlicher mit den übrigen Gegebenheiten des Geländes auseinanderzusetzen. Im hinteren Bereich befand sich wie immer die „Met-Insel“, von der aus man – vorausgesetzt, man hatte einen guten Platz – das Treiben auf der Bühne aus einiger Entfernung beobachten konnte (um Details zu erkennen, wäre hier allerdings ein Fernglas hilfreich). Noch weiter weg gab es auch die beliebte Strandbar, an der man sich ausruhen, an den aufgeschütteten Sandstrand legen oder etwas essen bzw. trinken konnte.

Suicide Commando

Mit Aesthetic Perfection ging es derweil auf der Main Stage weiter mit Industrial Pop aus Los Angeles, gefolgt von den Hamburger Alternative Rockern Mono Inc. Auch sie haben am Vortag ein neues Album herausgebraucht und natürlich gaben sie von diesem einige neue Stücke zum Besten, wie z.B. den Titelsong Welcome To Hell. Ein Hit folgte auf den anderen, und zwischendurch versuchte Frontmann Martin, dem deutschen Publikum das Klatschen auf den Offbeat beizubringen („Wir klatschen nicht wie bei Carmen Nebel auf die 1 und 3, sondern hier auf dem Amphi klatschen wir auf den Offbeat zu 2 und 4!“) – schon zu Children of the Dark ein paar Songs später war aber offensichtlich, dass seine Bemühungen leider nicht von Erfolg gekrönt waren. Schade, denn auf dem Offbeat wirkt das Klatschen viel temperamentvoller, aber die Deutschen können es halt nicht anders. Dennoch war die Stimmung im Publikum phänomenal und alle machten begeistert mit. Zum Schluss kündigte Sänger Martin noch an, dass hiermit die Festival-Saison der Band für dieses Jahr endet und sie ab jetzt mit dem neuen Album auf Tour sein werden – man darf gespannt sein.  

Was lief denn eigentlich gerade parallel auf der Orbit Stage auf der anderen Rhein-Seite? Am Samstag durfte man sich unter anderem über Wave und Postpunk von La Scaltra, A Projection, Whispers in the Shadow, Soviet Soviet, Lebanon Hanover, She Past Away und eine anschließende Aftershow-Party mit den DJs Martin Engler (Mono Inc.) und Oliver Klein freuen.

Eine große Fan-Gemeinde erspielt haben sich seit 1996 die EBMer [:SITD:], die um 16:40 Uhr auf der Theater-Bühne starteten. Sogar Johan van Roy (Suicide Commando) stand im Backstage, um die Show zu verfolgen. Entsprechend lang war die Schlange für den Einlass zum Theater, und das schon nachmittags um vier! Die Show selbst kam wie zu erwarten beim Publikum gut an und der Saal war gut gefüllt – es konnte sich glücklich schätzen, wer noch eingelassen wurde. Viele haben die Hälfte des Auftritts draußen wartend verpasst. Das Konzert begann mit einem atmosphärischen Intro und brach dann mit dem Song Rot von Null auf Hundert krachend los. Zunächst hörte man die Stimme von Sänger Carsten überhaupt nicht, später wurde es besser; leider war der Sound im Theater allgemein nicht so gut, die Bässe waren oft übersteuert und dadurch wirkte die Musik nicht mehr richtig. Das störte das Publikum wenig und die Leute feierten, was das Zeug hält. Keyboarder Tom stand an diesem Tag schon zum zweiten Mal auf der Theater-Bühne, ist er doch zusätzlich der Sänger bei Future Lied To Us. Carsten und Tom spielten einen Hit nach dem anderen, z.B. Bestie:Mensch, Lebensborn oder das bewegende Laughingstock, in dem sie damals die Ereignisse des Schulmassakers von Columbine verarbeitet haben – immer wieder Gänsehaut. Natürlich gab es z.B. mit Genesis und Cicatrix auch einige Knaller vom aktuellen Album „Trauma: Ritual“. Im Anschluss ging es mit EBM von Funker Vogt mit Frontmann Chris L weiter und danach waren auch schon Suicide Commando (als Ersatz für die ausgefallenen Assemblage 23) an der Reihe. Letztere lieferten eine reine Vintage-Show ab, was der Belgier Johan van Roy, der hervorragend deutsch spricht, mit den Worten „Heute Abend spielen wir ganz alten Scheiß!“ ankündigte. Schon am oldschool-lastigen Intro war abzusehen, was hier nun folgen würde, und es waren Stücke wie z.B. Sheer Horror oder das beliebte Traumatize, bei dem die Meute im Publikum schon beim ersten Ton euphorisch zu jubeln begann. 

ASP

Währenddessen spielten die alten Helden von OMD (ausgeschrieben: Orchestral Manoeuvres in the Dark) auf der Main Stage gut gelaunt Electro-Pop von damals bis heute und galten vielen als heimlicher Headliner. Die Stimme von Sänger Andy hat sich nicht verändert und man fühlte sich bei Songs wie z.B. Pandora‘s Box oder Sailing on the Seven Seas gleich zurückversetzt in die Achtziger; dennoch kamen natürlich auch die neuen Songs vom aktuellen Album „The Punishment of Luxury“ bei den Zuschauern gut an. Zur allgemeinen Freude trugen die Liverpooler auch noch den ältesten OMD-Song überhaupt, Electricity von 1976, vor. Die Zuschauer nahmen begeistert alles auf und feierten ausgelassen.

Der offizielle Headliner des Abends, zumindest auf der Main Stage, waren die Gothic Novel Rocker von ASP. Frontmann Alexander „Asp“ Spreng betrat mit Dreispitz-Hut und Laterne die Bühne, der Rest der Band folgte bald. Die seit 1999 agierende Band hat inzwischen ein reichhaltiges Repertoire zur Verfügung und so konnten sie einen Hit nach dem anderen platzieren. Sie präsentierten mit viel Pyrotechnik Stücke wie Schwarzes Blut, Morgenrot, Werben, Ich will brennen und natürlich Und wir tanzten. Die Frankfurter waren nach eigener Aussage schon viel zu lange nicht mehr auf dem Amphi (zuletzt 2010!) und freuten sich, endlich wieder hier sein zu können. Wieder mit Hut und Laterne und dem Stück Denn ich bin der Meister aus dem Krabat-Liederzyklus von 2008 beendeten sie pünktlich um kurz vor 22 Uhr ihre Show.

Parallel dazu fand das Konzert der Legende Midge Ure statt. Der Schotte zeichnet sich (mit-) verantwortlich für zahlreiche Hits aus den Achtzigern, deshalb konnte man sich auf eine schöne Zeitreise durch die Vergangenheit freuen. Die anwesenden Fans wussten genau, was sie erwartet und waren voller Vorfreude, auch wenn der Saal nicht mehr so gut gefüllt war wie zuvor noch bei Suicide Commando. Der 65jährige zeigte sich spielfreudig an seiner Gitarre. Was dieser Mann in seinem Leben schon alles geleistet hat, wurde im Lauf des Abends offensichtlich, denn gemeinsam mit seiner Band zeigte er einen Querschnitt seines Schaffens und kostete jeden Song aus. Schon If I Was oder All Stood Still (von seiner früheren Band Ultravox) wurden sehr gefeiert, obwohl klar war, dass die weitaus größeren Hits noch folgen würden. Ein erster Höhepunkt war eine gitarrenlastige Version des Visage-Hits Fade To Grey, an dem er damals mitgeschrieben hatte. Schon bei den ersten Tönen erklangen Chöre aus dem Publikum und spätestens beim Refrain sang der ganze Saal mit. Mit Breathe von Ultravox gab es eine weitere Perle und so ging es weiter: Gänsehaut-Momente zu Vienna, das sich quälend langsam zum Refrain steigerte, bis die Fans endlich – erlöst, erschöpft, erleichtert – inbrünstig das erste „Ooooh, Vienna“ mitsingen konnten, The Voice und Hymn, bei dem die Zuschauer schon zum ersten Ton zu singen begannen. Er bedankte sich zwischendurch beim Publikum mit „well done“, hatte dieses doch mindestens so viel und leidenschaftlich gesungen wie er selbst. Die Freude war ihm deutlich anzusehen. Als nächstes startete er mit einem Gitarrensolo und man konnte schon erahnen, dass dieser Song zu Dancing With Tears In My Eyes werden würde. Wieder machte sich großflächig Gänsehaut-Feeling breit und es dauerte gefühlt eine Ewigkeit, bis sich das Gitarrensolo in den Song auflöste, der im emotional aufgewühlten Publikum einschlug wie eine Bombe – da blieb kaum ein Auge trocken und so mancher musste um Fassung ringen; es war einfach überwältigend.

Ohne weitere Zugaben wurde gleich um 21:55 Uhr der Abbau der Bühne begonnen, da direkt im Anschluss noch die Aftershow-Party mit diversen DJs wie z.B. Honey (Welle:Erdball), Tom ([:SITD:]) und Vasi Vallis (Frozen Plasma) startete.

Sonntag, 29.07.2017

Heldmaschine

Auch der Sonntag startete heiß, aber bewölkt. Wie schon am Vortag standen auch heute viele Autogramstunden auf dem Plan und die Schlangen waren teilweise recht lang, ebenso wie mancherorts die Schlangen an den Damentoiletten (hat man das jemals anders erlebt?).

Das bunt gemischte Publikum bestand aus allen Spielarten von „Schwarz“, wie zum Beispiel Gothic, Romantic, Cyber, Military, Steampunk oder Fetisch. Es war auch international, denn aus allen Teilen der Welt waren Fans angereist, um mitzufeiern, manche sogar aus Japan, Südamerika oder Australien, und natürlich war auch wieder der israelische Synthesize Me – Radio-Moderator Oren Amram (meist im Schlepptau von Rroyce) privat als Besucher unterwegs. Auch die Mitglieder vieler anderer Bands, die keinen Auftritt beim diesjährigen Festival hatten, waren auf dem Gelände anzutreffen, zum Beispiel Eisfabrik, Schwarzschild, Alienare oder Extize – um nur einige zu nennen. Es fühlte sich an wie ein großes Familientreffen und überall war die Laune großartig.

Wie schon zuvor befand sich auch in diesem Jahr die Rolli-Tribüne links neben der Bühne, so dass Rollstuhlfahrer und andere Gehbehinderte oder -eingeschränkte nebst ihren Begleitpersonen eine gute Sicht auf die Bühne hatten (hier standen ein paar zusätzliche Stühle bereit). Meist funktionierte auch der Einlass zu dem abgesperrten Bereich gut und die Security-Leute dort waren nett und hilfsbereit. Einziges Manko war vielleicht ein fehlender Sonnenschutz, denn die Rolli-Tribüne war der brennenden Sonne schutzlos ausgeliefert und die Besucher dort können im Gegensatz zu allen anderen Gästen nicht mal eben schnell woanders hin gehen. Vielleicht ließe sich in den kommenden Jahren ein Sonnensegel oder ähnliches installieren – das ist aber „Jammern auf hohem Niveau“, denn grundsätzlich ist das gesamte Amphi-Gelände sehr rollstuhlgerecht und barrierefrei, sogar die Toiletten, und so nah am Geschehen ist die Rolli-Tribüne auf Festivals selten.

In der Sonne wurde es auf dem Gelände schnell unbarmherzig heiß, einzig im Schatten war es einigermaßen erträglich, da ab und zu ein kleiner Windstoß durchging. Das war aber auch schon die einzige Lockerung, ansonsten hatte die Sonne den Tag fast vollständig fest im Griff, nur vereinzelt ließ sie sich kurz von Wolken verdecken, was aber nicht viel half. Von Regen gab es ohnehin keine Spur – am Ende des Tages haben alle erleichtert aufgeatmet, als die Sonne endlich hinter dem Horizont verschwand.

Rroyce

 Auch am Sonntag startete das Programm auf der Main Stage überpünktlich um Fünf vor elf mit der Begrüßung durch Mark Benecke, und da sich der Einlass auf weit nach zehn Uhr verzögert hatte, musste man sich beeilen, wollte man davor auf der Händlermeile noch ein Schnäppchen machen und dennoch die erste Band ES23 mitnehmen. Die Jungs aus Bochum standen zum ersten Mal auf der Amphi-Bühne und freuten sich sehr darüber – obwohl es die Dark Electro-Band schon seit mehr als 10 Jahren gibt. Sänger Daniel begrüßte freundlich die schon zahlreich anwesenden Besucher (selbstverständlich war der Fan-Club auch schon da!) mit den Worten „Guten Morgen beim Amphi – Herzlich Willkommen zum Frühsport!“  - stimmt, die ersten Cyber-Tänzer standen neben der Bühne schon bereit zum Abfeiern. Den zweiten Song mit dem Titel Wake Up kündigte der sympathische Frontmann an „für alle, die noch nicht wach sind“ und freute sich, dass schon so viele Fans zu so früher Stunde den Weg zur Bühne gefunden haben („Ich hätte es nicht geschafft“). Die Menge war glücklich, dass sie jetzt schon weiter feiern konnte und so musste Daniel sie gar nicht erst animieren, denn alle tanzten und klatschten schon von selbst („Ihr seid so geil“). Es gab sogar ein neues noch nicht veröffentlichtes Lied zu hören, das „dann irgendwann mal kommt“, und natürlich schon bekannte Songs wie Erase My Heart.

Nach einer Umbauphase mit dem neuen Album von Mono Inc. (dieses sollte für den Rest des Tages auch die Umbauphasen-Musik bleiben!) kamen zehn Minuten früher als geplant Heldmaschine aus Koblenz auf die Bühne. Hier dominierten die Gitarren und das rollende R in den deutschen Texten, und Sänger René erklärte dazu: „Die Leute fragen immer, warum rollt der das R so? Darf er das überhaupt?“ Die Antwort erhielten die Zuschauer in Form des Songs R: „Weil es mir gefällt“ – ok, alles klar!

Im Theater begann das Festival an diesem Tag nach kurzer Ansage von Moderator Jens mit der Harsh-Electro-Band SynthAttack aus Hannover. Mit verzerrter Stimme trug Frontmann Martin einige Songs vom aktuellen Album „Harsh Is Back“ vor, unter anderem den Titelsong. Sie präsentierten auch ihre geniale Faithless-Coverversion von Insomnia, bei der sie auf der Bühne von den beiden bekannten Cyber-Tänzerinnen Ciwana und Lady Flauschig unterstützt wurden – das Publikum feierte. Später sang auch Keyboarderin Nicole noch bei Final Salvation. Leider war auch an diesem Tag der Sound im Theater nicht besonders gut, so dass es an manchen Stellen schwer war, dem fehlgeleiteten Bass aus dem Weg zu gehen. Im Anschluss folgten hier dann Priest (die als Geheimtipp galten) sowie Grendel, Mad Sin, Girls Under Glass und In The Nursery.

Auf der Orbit Stage auf dem Rhein fanden sich als Opener Rroyce und ihre zahlreichen Fans ein, um gemeinsam Run Run Run und weitere beliebte Songs zu zelebrieren. Für viele das heimliche Highlight des Tages und die Stimmung war legendär – nächstes Mal bitte auf der Main Stage! Danach folgten auf dem Schiff – auf dem das Essen übrigens wie immer ausgezeichnet gewesen sein soll – noch Scheuber, Corde Oblique, Persephone von und mit Sonja Kraushofer, Grausame Töchter und als Headliner Altmeister und „Goldener Reiter“ Joachim Witt.

Oomph!

Zurück zum Tanzbrunnen! Der etwas zu frühe Beginn auf der Main Stage zog sich wie ein roter Faden durch das Festival, so auch bei Neuroticfish. Keyboarder Henning hatte an diesem Tag leider keine Zeit und wurde von Christoph vertreten, der der Band bei der Produktion des letzten Albums viel geholfen hatte und deshalb „quasi dazu gehört“. Sänger Sascha Mario Klein, der zur Feier des Tages extra ein schwarzes (statt wie sonst kariertes Holzfäller-) Hemd angezogen hatte, war gut drauf und sang die bekannten Hits wie Silence, Behaviour oder Wake Me Up. Er kündigte außerdem ein neues Album für den Herbst/Winter an mit dem Namen „Antidoron“ – wenn das kein Grund zur Freude ist! Es gab sogar ein neues Stück zu hören, das noch nie vorher live gespielt wurde: Fluchtreflex. Er verabschiedete sich mit „ihr habt einen alten Mann sehr glücklich gemacht!“  – das beruhte allerdings auf Gegenseitigkeit, denn er sorgte mit Songs wie The Bomb, MFAPL oder Suffocating Right gleich für mehrere Gänsehaut-Momente im Publikum. Den letzten Song Velocity ließ er zum Ausklang von den Fans zu Ende singen.

Qntal kamen aus München mit mittelalterlichen und sonstigen Instrumenten, „die nie ein Mensch zuvor gehört hat“ (Zitat Benecke). Mezzosopranistin Sigrid „Syrah“ Hausen, Multiinstrumentalist Dr. Michael Popp und Band verzauberten die Zuschauer mit ihrer Mischung aus Mittelalter und Elektronik. Die sympathische Sängerin spricht normalerweise gerne über Hintergründe und gibt zusätzliche Erläuterungen zu den einzelnen Stücken oder Texten, wurde aber von „ihren“ Männern zur Eile angehalten – auf einem Festival habe man für so etwas keine Zeit, man müsse doch die Musik unterbringen. Einerseits haben sie ja Recht, andererseits machen gerade diese Ruhe und Ausgeglichenheit Qntal aus. Während andere mit einem elektronischen Tablet neben sich auf der Bühne stehen, blätterte Syrah in einem handschriftlich beschriebenen Notizbuch. Sie präsentierte mit glasklarer Stimme einige Perlen wie Nachtblume und O Fortuna vom aktuellen Album, aber auch einige ältere Stücke wie Ecce Gratum oder das Palästinalied, das sie seit 1991 spielen; seit 1992 gehört Ad Mortem Festinamus zum Repertoire. Michael Popp verwendete zu fast jedem Song ein anderes Instrument, die meisten davon kann ein Laie nicht mal fehlerfrei benennen. Syrah ließ es sich nicht nehmen, trotzdem ein wenig zu erzählen, und so konnte man Einblicke in die Dynamik innerhalb der Band nehmen – im Prinzip scheint es hier nicht viel anderes abzulaufen als bei einem alten Ehepaar („und das seit 31 Jahren!“). Üblicherweise verwendet die Band hauptsächlich historische Texte von nicht mehr lebenden Künstlern, aber eine Ausnahme gibt es: Der Fantasy-Autor Markus Heitz hat einige Lyrics für sie geschrieben und einen dieser Songs trugen sie zum Abschluss nun vor: Schnee.

Qntal

Mit Solar Fake blieb es elektronisch und es wurde merklich voller im Bereich vor der Bühne. Der „schöne Sven“ (Zitat Benecke) und sein Keyboarder André spielten zusammen mit Drummer Jeans einige ihrer bekanntesten Songs wie Not What I Wanted und Under Control, außerdem kündigten sie für Ende August ein neues Album inklusive Releaseparty in Oberhausen an. Um dies zu unterstreichen, gab es gleich die neue Single Sick Of You zu hören. Es folgten noch einige weitere tolle Songs aus ihren bisherigen vier Alben. Die Coverversion von Papillon, im Original von den Editors, wurde vom Publikum gemischt aufgenommen – die einen fanden es grottenschlecht und überflüssig, die anderen besser als das Original. Hier gilt mal wieder, es ist wohl reine Geschmackssache. Aufgepasst: Im Januar kommenden Jahres gehen die Jungs auf Tour!

Es folgte die Aggrotech-Band Agonoize mit (Multi-Band-) Frontmann Chris L (Wir erinnern uns: selbiges ist er seit einiger Zeit auch bei Funker Vogt, die am Vortag ihren Auftritt hatten). Der martialisch zurechtgemachte Sänger war schlecht gelaunt und pampig, vielleicht gehört das aber auch einfach nur zum Image der Band. Da er nicht ausgiebig mit Kunstblut im Publikum herumsauen durfte (wie man es von der Band normalerweise gewohnt ist), trug er ein T-Shirt mit der Aufschrift „Sorry, no Blood for you“. Einen kleinen Spritzer ließ er sich dennoch nicht nehmen, sehr zu Freud und Leid der gerade im Graben stehenden Fotografen.

Spaß haben auch ohne Kunstblut können die Niedersachsen von Oomph! Mit dem Klassiker Das Weiße Licht starteten die Deutschrocker ihre Show. Die Fans machten gut mit und der Aufforderung „ich will euch alle springen sehen“ zu Träumst Du kam fast das gesamte Publikum nach – ein beeindruckender Anblick. Sänger Dero und seine Jungs präsentierten eine große Auswahl ihrer bisherigen Hits: Gott ist ein Popstar, Der Neue Gott, Gekreuzigt, Labyrinth, Augen auf und der allererste Oomph!-Song überhaupt: Mein Herz – da blieben keine Wünsche offen. Dennoch riefen die Zuschauer nach Zugaben, die natürlich wegen des einzuhaltenden Ablaufplans nicht erfüllt werden konnten.

Goethes Erben

Damit war man auch schon beim Headliner des Sonntags And One angekommen. Die Electroband mit Partygarantie um Steve Naghavi kam direkt aus Berlin und legte auch sofort temperamentvoll los. Steve versuchte sich – nicht unerfolgreich – an sexy Hüftschwung und fegte bzw. kreiselte eindrucksvoll über die Bühne. „Der nächste Song handelt von Sex… Liebe… Zärtlichkeit… und Gewalt“ leitete Military Fashion Show ein. Auch hier ist reichhaltiges Repertoire vorhanden und sie konnten unter anderem mit Technoman, Traumfrau und Get You Closer aus den Vollen schöpfen. Die Leute feierten ausgelassen. Frontmann Steve hatte seinen Spaß daran, als Einleitung zu Steine sind Steine die jubelnde, nichtsahnende Menge das Wort A.D.O.L.F. buchstabieren zu lassen („das wollte ich schon immer mal machen“) – bis die Masse gemerkt hat, was vor sich geht, war es schon zu spät. Die einen fanden es lustig, die anderen geschmacklos. Ein Denkanstoß war es auf jeden Fall – Leute, nicht einfach alles unreflektiert nachbrüllen! „Die Welle“ kann jeden treffen, überall und unerwartet. Lektion gelernt. Ob man eine solche Aktion in der heutigen Zeit, wo die Gemüter und die politische Stimmung erhitzt sind, wirklich bringen muss, sei einmal dahingestellt. Dennoch kennt man lange genug den Naghavi‘schen Humor und wer die Aussage hinter den Songs Deutschmaschine und Steine sind Steine begriffen hat, weiß ohnehin, wie das gemeint war – also kein Anlass zur Sorge.

Tiefgründiger, eher philosophisch dagegen waren die Aussagen von Oswald Henke von Goethes Erben, die parallel dazu im Theater ihren Auftritt hatten. Die Bayreuther lieferten eine teilweise bizarre, aber faszinierende Performance ab und Sänger – oder besser Cheflyriker – Oswald gab den wahnsinnigen Psychopathen. Der Auftritt war spannend und abwechslungsreich, die bezaubernde Balletttänzerin Ida ergänzte das Gesamtbild perfekt. Später rezitierte Oswald einen langen, bemerkenswerten Text über Rassisten, Wutbürger und Gutmenschen und betonte, dass wir trotz aller Differenzen niemals aufhören dürfen, miteinander zu reden. Er machte auch deutlich, welche Seite er für die Richtige hält, denn: „braun und blau werfen dieselben Schatten“. Die Menschlichkeit muss erhalten bleiben, sonst verlieren wir am Ende alle. Ungewöhnlich weise Worte für ein großes Festival, bei dem für gewöhnlich der Spaß im Vordergrund steht, nicht aber für Oswald Henke, bei dem Genie und Wahnsinn nahe beieinander zu liegen scheinen.

Mit der letzten, noch folgenden Aftershow-Party ging ein wundervolles, friedliches Festival zu Ende und die meisten werden sich einig sein: Wir sehen uns dann wieder im nächsten Jahr!

 

Autor: Luscinia
© Photos: Marcel Kahner


Autor: admin print Druckansicht
Letzte Änderung: 05.08.2018 18:20:00
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